8.1.2026
Es gibt Themen, die sind grundlegender und vielleicht auch wichtiger als die Wahl des neuen Vorstands im Spätsommer letzten Jahres. Und das, obwohl diese nicht zuletzt wegen der „Ochsentouren“ zur Sammlung tausender Unterschriften, der erstmaligen (Aus-)Wahl aus drei Kandidatenteams oder der vielen Wochen passionierten Wahlkampf und einer kontroversen und gut besuchten Mitgliederversammlung als historisches Paradebeispiel für Mitbestimmung im Profifußball gilt. Eines dieser Themen heißt 50+1: Diese Regel ist kein bürokratischer Paragraph, sondern der Herzschrittmacher unserer Fußballkultur. Sie garantiert, dass Vereine nicht zum reinen Spielzeug von Konzernen verkommen, sondern dass die Mitglieder – also wir Fans – eine Stimme behalten. So wie es beim FC diesen Spätsommer gelebt wurde. Leider sehen das nicht alle so.
Um zu verstehen, warum wir heute überhaupt über 50+1 diskutieren, muss man kurz zurück ins Jahr 1998 blicken. Damals öffnete der DFB die Bundesliga für Kapitalgesellschaften – die Vereine durften ihre Profiabteilungen in eine GmbH oder AG ausgliedern. Der Gedanke dahinter war, frisches Kapital in den Markt zu holen, ohne dabei das Vereinsprinzip komplett über Bord zu werfen. Genau deshalb entstand die 50+1-Regel: Der Verein sollte immer die Stimmenmehrheit behalten. Ein Investoren-Eldorado wie in England wollte man verhindern. Doch schon bei der Einführung musste der Verband Kompromisse machen – Stichwort „Lex Leverkusen“. Weil Bayer Leverkusen bereits seit Jahrzehnten Teil der Bayer AG war, durfte der Konzern die Profiabteilung komplett übernehmen. Später bekam auch VW in Wolfsburg diese Ausnahme. Mit solchen Extrawürsten wurde das Regelwerk von Anfang an durchlöchert – und genau da liegt die Krux, die uns bis heute beschäftigt.
Der EuGH hatte Ende 2023 gleich mehrere Urteile rausgehauen – zur „Super League“, zur Eislauf-Union (ISU) und zu einem belgischen Fall rund um Royal Antwerp . In allen Fällen ging’s darum, ob Sportverbände Sonderregeln aufstellen dürfen, die auf den ersten Blick wie Wettbewerbsbeschränkungen wirken. Die Richter haben gesagt: „Ja, dürft ihr – aber nur, wenn diese Regeln konsequent, transparent und überall gleich angewendet werden“. Mit anderen Worten: Doppelte Standards sind tabu.
Diese Urteile haben die DFL alarmiert und sie ersuchten das Bundeskartellamt um eine kartellrechtliche Bewertung ihrer 50+1-Regel und deren Anwendung.
Und so orientiert sich das Bundeskartellamt nach intensiver kartellrechtlichen Überprüfung an die Rechtsprechung des EuGH und sagt: „Alles gut, die 50+1-Regel ist im Kern rechtens – aber die Anwendung muss konsequenter werden.“ Heißt übersetzt: „DFL, mach deine Hausaufgaben! Gleiche Bedingungen für alle, keine Extrawürstchen für Leverkusen, Hoffenheim, Leipzig, Wolfsburg oder Hannover.“ Genau da liegt der Hund begraben: Während die meisten Klubs brav ihre Mitglieder bestimmen lassen, genießen Ausnahmeklubs wie Leverkusen etc. seit Jahrzehnten eine „Extrawurst“, weil ihre Profiabteilungen komplett unter dem Dach von Bayer und so laufen. Und wenn die DFL solche Ausnahmen zulässt, ohne für gleiche Bedingungen zu sorgen, dann fliegt ihr womöglich die 50+1-Regel kartellrechtlich um die Ohren.
Wenn man dann eigentlich denken müsste, dass alle die Zeichen der Zeit erkannt haben, kommt Fernando Carro und posaunt: „Ich sehe keine Notwendigkeit, etwas zu ändern.“ Fernando wer? Carro ist Geschäftsführer von der Turn- und Sportabteilung des Bayerwerks. Klar, warum sollte er auch einen Reformbedarf sehen – wenn man doch selber von der Ausnahmeregel lebt wie die Fliege vom Kackhaufen. Diese opportunistische Haltung zur kartellrechtlichen Bewertung hielt aber den 36er-klubverbund nicht davon ab, ihn Anfang diesen September in den Aufsichtsrat der DFL zu wählen. Schließlich haben alle potenziellen Gegenkandidaten ihre Kandidatur zurückgezogen. Ironischerweise sitzt damit erstmals ein Vertreter eines Ausnahme- bzw. Plastikklubs im Gremium, das über die Zukunft von 50+1 mitentscheidet. Das ist in etwa so, als würde der VAR nicht etwa den Schieri an den Seitenrand schicken um sich das brutale Einsteigen mit offener Sole noch mal anzusehen, sondern den Foulspieler selbst. Ergebnis: „Ganz klar Ball gespielt, weiterspielen!“
Und genau da steckt die DFL in der Zwickmühle: Einerseits weiß jeder im 36er-Klubverbund, dass 50+1 das letzte Bollwerk gegen Investoren-Willkür ist. Andererseits sitzen da eben die Ausnahmeklubs am Tisch, allen voran Hardliner Carro, der die Sonderstellung seines Werksvereins mit Zähnen und Klauen verteidigt. Für die DFL heißt das: Entweder sie ringt Carro & Co. Zugeständnisse ab, oder sie riskiert eine Klage, die das ganze Konstrukt sprengt. Also wird fieberhaft nach einem Kompromiss gesucht, der im besten Fall alle zufriedenstellt: Leverkusen und Wolfsburg dürfen so tun, als hätten sie nix verloren – und alle anderen dürfen hoffen, dass 50+1 nicht vor Gericht zerlegt wird.
Die 50+1-Regel ist mehr als eine juristische Klausel. Sie ist Ausdruck davon, dass Fußball bei uns kein reines Investoren-Monopoly ist, sondern eine Kulturfrage. Ohne 50+1 wären Vereine wie unser Effzeh nicht mehr das, was sie heute sind: von Mitgliedern getragen, mit echter Mitbestimmung. Mit 50+1 bleibt zumindest die Illusion bestehen, dass nicht der Geldkoffer allein über Meisterschaften entscheidet.
Deshalb ist es brandgefährlich, wenn Carro und Co. die Regel als lästiges Relikt abtun. Gerade seine Wahl in den Aufsichtsrat der DFL zeigt, wie absurd das Ganze ist.
Unser Fazit: 50+1 ist nicht verhandelbar. Es ist das letzte Sicherheitsnetz, das den deutschen Fußball vor der totalen Kommerzialisierung schützt. Und wenn Carro und seine Mitstreiter meinen, sie könnten diese Regel beiseiteschieben, dann müssen wir Fans erst recht laut bleiben. Ohne 50+1 ist der Fußball kein Volkssport mehr – sondern nur noch ein Geschäftsmodell auf Pump.