21.9.2026
Zehn Jahre nach dem ersten VAR-Einsatz am 21. September 2016 stellt sich die Frage nicht mehr, ob der Videobeweis zum Fußball gehört. Er gehört dazu. Die entscheidendere Frage lautet: Wie viel VAR verträgt ein Spiel, ohne seinen Charakter zu verlieren?
Am 21. September 2016 wurde beim Spiel Ajax Amsterdam gegen Willem II Tilburg erstmals in einem offiziellen Profispiel ein Video Assistant Referee live eingesetzt. Zehn Jahre später ist aus dem Experiment längst Alltag geworden. In der Bundesliga läuft der VAR seit der Saison 2017/18 – und ist trotzdem noch immer ein Dauerstreitthema.
Dabei lohnt ein genauerer Blick auf die Stimmung unter den Fans. Eine aktuelle Umfrage auf fans1991.de zeichnet nämlich kein eindeutiges Bild einer ausschließlich gegen den Videobeweis gerichteten Fanszene. 42,5 Prozent der Teilnehmer sprechen sich für eine sofortige Abschaffung des VAR aus. Demgegenüber wollen nur 9,2 Prozent den Videobeweis unbedingt behalten. Die mit 48,3 Prozent größte Gruppe sucht jedoch einen Mittelweg: klare Regeln, kürzere Checks und mehr Transparenz.
Gerade diese Zahlen sind für die aktuelle deutsche Debatte interessant. Sie zeigen: Die Kritik am VAR bedeutet nicht automatisch, dass die Mehrheit jede Form des Videobeweises ablehnt. Ein erheblicher Teil der Befragten verbindet seine Kritik vielmehr mit dem Wunsch nach einem anderen Umgang mit der Technik. Und genau hier hat sich die Debatte in der Bundesliga inzwischen verschoben.
Knut Kircher, Geschäftsführer Sport und Kommunikation der DFB Schiri GmbH, hat für die Saison 2026/27 einen deutlich zurückhaltenderen Einsatz des VAR angekündigt. Eingriffe sollen künftig nur noch erfolgen, wenn ein Fehler „unmittelbar klar und offensichtlich“ erkennbar ist. Damit wird die Eingriffsschwelle gegenüber dem bisherigen Grundsatz noch einmal angehoben.
Das ist mehr als eine technische Feinjustierung. Es ist ein Versuch, eine der größten Schwächen des bisherigen Systems zu korrigieren: Wenn aus nahezu jeder strittigen Szene eine minutenlange Suche nach der vermeintlich richtigen Entscheidung wird, verschiebt sich die Verantwortung vom Schiedsrichter auf dem Platz in den Videokeller.
Die Entwicklung in der Bundesliga zeigt deshalb einen bemerkenswerten Kurswechsel. Der VAR soll nicht jede Diskussion beenden und auch nicht jede möglicherweise falsche Entscheidung korrigieren. Er soll vor allem dort eingreifen, wo ein klarer Irrtum vorliegt.
Die aktuellen technischen Entwicklungen gehen dabei in die andere Richtung: Sie sollen den Einsatz des VAR schneller und nachvollziehbarer machen. Seit der Saison 2025/26 kommt in der Bundesliga die halbautomatische Abseitstechnologie zum Einsatz. Zudem werden VAR-Entscheidungen nach Eingriffen inzwischen im Stadion über Lautsprecher erklärt. Der DFB hat damit auf einen zentralen Kritikpunkt reagiert: Fans sollen nicht mehr minutenlang im Unklaren darüber bleiben, was auf dem Platz eigentlich überprüft wird.
Eine im Januar 2026 veröffentlichte Umfrage unter direkt Beteiligten aus den beiden Bundesligen zeigte ebenfalls erhebliche Kritik. Eine deutliche Mehrheit der befragten Trainer und Kapitäne empfand die Unterbrechungen durch den VAR als zu lang; fast die Hälfte sah seit der Einführung 2017/18 keine ausreichende Weiterentwicklung des Systems.
Damit treffen sich die unterschiedlichen Perspektiven: Fans kritisieren die Unterbrechungen und den Verlust von Unmittelbarkeit, Spieler und Trainer kritisieren die Dauer und Umsetzung, während die Schiedsrichter versuchen, den VAR wieder auf seine ursprüngliche Aufgabe zurückzuführen.
Auch die aktuellen Proteste deutscher Fanszenen zeigen, wie grundsätzlich die Debatte inzwischen geführt wird. Im Sommer 2026 forderten zahlreiche Fangruppen die vollständige Abschaffung des VAR. Ihr Argument: Der Videobeweis verändere den Charakter des Spiels, verlängere Unterbrechungen und nehme gerade bei Toren einen Teil der unmittelbaren Emotion.
Unsere fans1991.de-Umfrage liefert dazu allerdings eine wichtige Ergänzung. Denn die 48,3 Prozent für einen Mittelweg machen deutlich, dass zwischen „VAR abschaffen“ und „VAR unbedingt behalten“ ein großer Raum für Reformen existiert. Genau dieser Raum wird in der Bundesliga derzeit ausgelotet.
Das betrifft insbesondere Strafraumszenen und Handspielentscheidungen. Wo selbst nach mehreren Kameraperspektiven unterschiedliche Bewertungen möglich sind, kann der VAR die grundsätzliche Regelauslegung nicht ersetzen. Er kann Bilder liefern – die Entscheidung bleibt eine Frage der Regelinterpretation und damit letztlich eine Aufgabe des Schiedsrichters.
Zehn Jahre nach Ajax gegen Willem II wird deshalb immer deutlicher, dass der Videobeweis nicht an seinem ursprünglichen Versprechen scheitert, Fehlentscheidungen korrigieren zu können. Die entscheidende Frage ist vielmehr, wie weit dieses Versprechen reichen darf.
Denn nicht jede strittige Entscheidung ist eine klare Fehlentscheidung. Und genau deshalb könnte die aktuelle Bundesliga-Entwicklung tatsächlich eine neue Phase des VAR markieren: weniger Eingriffe, kürzere Überprüfungen, bessere technische Unterstützung und mehr Verantwortung für den Schiedsrichter auf dem Platz.
Unsere Ergebnisse von fans1991.de passen erstaunlich gut in diese Debatte. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Herausforderung für den deutschen Fußball: Nicht die Frage, ob es den VAR geben soll, sondern wie viel Videobeweis der Fußball tatsächlich braucht.
Der Fußball lebt von Tempo, Emotion und Diskussion. Der VAR sollte die großen, klaren Fehler korrigieren. Er sollte aber nicht versuchen, den Fußball von jeder Fehlentscheidung und jeder Kontroverse zu befreien.
Zehn Jahre nach seinem ersten Einsatz ist deshalb nicht die Technik die entscheidende Frage. Es geht um das richtige Maß. Und genau daran wird sich in der Bundesliga zeigen, ob der Videobeweis am Ende tatsächlich akzeptierter Bestandteil des Spiels werden kann.
Jeannette Fentroß
21. September 2026