18.8.2026
Gianni Infantino galt lange als nahezu unangreifbarer Herrscher des Weltfußballs. Doch seine Machtbasis gerät durch aktuelle Entwicklungen ins Wanken. Ein gescheitertes Milliardenprojekt, Vorwürfe mangelnder Transparenz und eine offene Konfrontation mit der UEFA haben eine Krise ausgelöst, die inzwischen weit über den europäischen Fußball hinausgeht. Der asiatische Fußball sowie die Verbände Nord-, Mittelamerikas und der Karibik stellen sich ebenfalls gegen die FIFA-Führung und verlangen eine unabhängige Untersuchung. Die Auseinandersetzung wird schärfer, der Konflikt droht zu eskalieren. Präsident Infantino bleibt zwar vorerst im Amt, aber wie lange wird er sich noch halten können?
Gianni Infantino hat die FIFA in den vergangenen zehn Jahren zu einem globalen Wirtschafts- und Machtapparat ausgebaut. Neue Wettbewerbe, größere Weltmeisterschaften und zusätzliche Einnahmequellen: Wachstum war das zentrale Versprechen seiner Präsidentschaft. Doch sein Erfolgsmodell wird jetzt zunehmend zum Problem.
Ein Finanzierungsprojekt liefert den Stein des Anstoßes und entwickelt sich zu einem offenen Machtkampf zwischen der FIFA und Teilen ihrer eigenen Mitgliedsstruktur. Die Fronten verlaufen inzwischen nicht mehr nur zwischen Zürich und Europa. Auch andere Kontinentalverbände haben sich eingeschaltet. Infantino gerät in Erklärungsnotstand rund um das Projekt FIFA Forward Enterprise. Die globale Vermarktung der FIFA sollte weiter professionalisiert werden und neue finanzielle Spielräume eröffnen. Privaten Investoren sollten Beteiligungen ermöglicht werden, die FIFA ho te auf Einnahmen von rund 4,2 Milliarden US-Dollar.
Rückblickend auf die WM 2026 – mit als Trinkpausen deklarierten Werbezeiten, einer zurückgezogenen Rot-Sperre des US-Nationalspielers nach einem Telefonat zwischen US-Präsident Donald Trump und Infantino oder einer viel zu langen Halbzeitshow beim Finale – entwickelte sich das Projekt zum Sprengsatz. Die Mitgliedsverbände fühlten sich übergangen und übten scharfe Kritik an der FIFA-Führung. Infantino befand sich in der Defensive und musste sich schließlich bei den FIFA-Mitgliedsverbänden für Fehler im Umgang mit dem Projekt entschuldigen.
Damit sind die Wogen aber noch lange nicht geglättet, denn die UEFA wollte die Angelegenheit nicht mit einer Entschuldigung beenden. Stattdessen erhöhte der europäische Verband den Druck auf Infantino und brachte sogar einen möglichen Boykott von FIFA-Wettbewerben ins Spiel.
Die europäischen Nationalverbände und Ligen bilden einen wesentlichen Teil des sportlichen und wirtschaftlichen Fundaments des internationalen Fußballs. Ein organisierter Boykott würde die FIFA deshalb nicht nur politisch, sondern auch finanziell treffen. Der Streit geht also längst über das zurückgezogene Milliardenprojekt hinaus.
Und nicht nur das: Wer entscheidet über die Zukunft des Fußballs – die FIFA oder die Verbände, Ligen und Klubs, die den Spielbetrieb organisieren? In dieser grundlegenden Fragestellung erhält die UEFA globale Unterstützung. Die Kontinentalverbände AFC und CONCACAF verlangen gemeinsam mit der UEFA eine unabhängige Untersuchung der Vorgänge rund um das gescheiterte FIFA-Projekt. Eine starke Allianz gegen Infantino und ein direkter Angri auf die Glaubwürdigkeit der internen Kontrollmechanismen. Die Forderung nach einer Untersuchung, auf die die FIFA selbst keinen Einfluss nehmen soll, ist brisant. Wenn die FIFA selbst nicht mehr als ausreichend unabhängige Instanz für die Aufklärung eines Konflikts angesehen wird, steht damit eine der wichtigsten Grundlagen jeder Sportorganisation infrage: das Vertrauen in ihre eigenen Institutionen.
Damit ist die Sache aber noch lange nicht erledigt: UEFA, AFC und CONCACAF denken offen über eigene Wettbewerbe außerhalb der bisherigen FIFA-Strukturen nach. Diese Überlegungen gleichen einer institutionellen Spaltung. Denn bisher war die FIFA der unumstrittene Dachverband des Weltfußballs. Kontinentalverbände konnten zwar ihre eigenen Wettbewerbe organisieren – alternative internationale Meisterschaften würden dieses Prinzip jedoch enorm erschüttert. Eine große institutionelle Herausforderung für die FIFA.
Anders als erwartet reagiert Gianni Infantino nicht mit Rückzug. Die FIFA-Führung stellt sich demonstrativ hinter ihren Präsidenten. Der Weltverband warnt vor einem koordinierten Versuch, die Führung Infantinos zu untergraben, und verweist auf die demokratischen Verfahren innerhalb der FIFA sowie die kommende Präsidenten-Wahl in 2027. Infantino hat seine Kandidatur für die Wiederwahl bereits angekündigt.
Paradox ist dabei, dass die FIFA versucht, den Konflikt in institutionelle Bahnen zu verlagern. Doch genau diese Strukturen stehen inzwischen im Zentrum der Kritik. Während große Kontinentalverbände die Führung des amtierenden Präsidenten infrage stellen. Verfügt er innerhalb der FIFA über eine starke Unterstützerbasis.
Die FIFA hat 211 Mitgliedsverbände. Fast 70 Verbände haben sich öffentlich hinter Infantino gestellt. Besonders wichtig ist die Unterstützung aus Afrika. Auch Teile Asiens und Südamerikas stehen weiterhin auf seiner Seite. Die Machtbasis bleibt stabil und ein Sturz Infantinos eher unwahrscheinlich, doch seine Alleinherrschaft ist angekratzt.
Wird Infantino diese Krise überstehen und die Führung der FIFA behaupten können? Aktuell driften die Interessen weit auseinander: Europa verlangt mehr Kontrolle, Asien fordert Aufklärung, CONCACAF schließt sich der Kritik an, Vereine warnen vor Überlastung und Ligen fürchten um ihre Bedeutung. Die nächste FIFA-Präsidentenwahl könnte deshalb zu der entscheidenden Bewährungsprobe für Infantino werden. Noch ist kein Gegenkandidat in Sicht, der über eine vergleichbare internationale Macht verfügt.
Die FIFA ist auf Verteidigungskurs. Wenn es den Gegnern Infantinos gelingt, ihre Interessen dauerhaft zu bündeln, könnte die Präsidentenwahl zu einer Abstimmung über weit mehr werdenals über eine Person. Sie könnte zu einer Abstimmung über das Geschäftsmodell und die Machtstruktur des Weltfußballs werden.