News vom 13.01.2023

WAS FOLGT NACH KATAR?

Knapp vier Wochen ist die Weltmeisterschaft in Katar nun vorüber. Wenig überraschend sind die Menschenrechte und andere Missstände in dem kleinen Land am Persischen Golf aus der öffentlichen Wahrnehmung größtenteils verschwunden.

Am vergangenen Donnerstag holte eine gemeinsame Veranstaltung des 1. FC Köln und des Deutschen Sport- und Olympiamuseums das Thema wieder auf die Tagesordnung. Teilnehmer der Diskussionsrunde im Sport- und Olympiamuseum waren die ehemalige FC-Spielerin sowie Fußball-Welt- und Europameisterin Sonja Fuss, FC-Präsident Dr. Werner Wolf, der Generalsekretär von Amnesty International Deutschland Markus N. Beeko, DFB-Präsident Bernd Neuendorf und Prof. Dr. Jürgen Mittag von der Deutschen Sporthochschule in Köln. Moderiert wurde der Abend von Jessica Sturmberg von der Sportredaktion des Deutschlandfunks.

Bei der Begrüßung der 250 Gäste durch FC-Vizepräsident Eckhard Sauren sorgte der, trotz des ernsten Themas gleich für einen Lacher. Sauren sprach darüber, welche Herausforderung der Umgang mit der WM für die Fußball-Fans hierzulande gewesen sei. Als kleine Spitze erwähnte er den Wechsel von Christiano Ronaldo nach „Südafrika“ – wie der Spieler bei seiner Präsentations-Pressekonferenz irrtümlich zu Protokoll gegeben hatte. Der FC-Vize unterstrich, dass die Vereine ihren Beitrag zu Verbesserung der Zustände insgesamt zu leisten haben.

Moderatorin Sturmberg fragte zu Beginn ins Publikum, wie viele der Anwesenden das Turnier ganz oder zumindest teilweise boykottiert hätten. Die überwiegende Mehrheit der Gäste hatte wenig bis gar nichts angeschaut.

FC-Präsident Wolf freute sich über den vollen Saal. Aus der FC-Mitgliedschaft wäre der Vorstand mehrfach aufgefordert worden, sich stärker zu engagieren. Es könne so nicht weitergehen. Wolf konstatierte, dass der Fehler bereits die Vergabe an Katar vor 12 Jahren gewesen sei. Nun gelte es nach vorne zu blicken und Verantwortung zu übernehmen.

Markus Beeko stellte in seinem Eingangsstatement fest, dass Argentinien die Weltmeisterschaft gewonnen habe und die Verlierer die Arbeitsmigranten in Katar seien. Dafür gab es spontanen Beifall. Im Anschluss stellte Prof. Dr. Mittag fest, dass Deutschland mit seinem kritischen Umgang weltweit nur wenige Unterstützer hatte. Im anglo-amerikanischen Raum, Teilen von Westeuropa und Skandinavien gab es vergleichsweise Kritik. In Südamerika und Asien hingegen wenig bis überhaupt nicht.

Für einen Entschädigungsfonds zugunsten der Arbeitsmigranten gab es laut einer Umfrage überaschenderweise in Ländern wie Brasilien, Argentinien oder Kenia eine höhere Zustimmung als in Deutschland, wie Beeko ergänzte.

DFB-Präsident Neuendorf hatte die größten Redeanteile, wobei viel Zeit für die nicht zum Thema gehörende Suche nach dem Bierhoff-Nachfolger und andere DFB-Themen verloren ging.

Neuendorf erklärte dabei noch einmal die Vorgänge um die „One Love“-Binde. Die FIFA hatte den Engländern, die vor der deutschen Mannschaft ins Turnier gestartet waren, vor Ort mit „Unlimited Sanctions“ gedroht. Eine wenig demokratische Vorgehensweise, die aber bei Infantinos Regime wenig überrascht. Die Aussicht auf sportliche Sanktionen veranlasste dann alle Europäer von der geplanten Aktion abzusehen. Aus Frustration habe sich dann aus der deutschen Mannschaft heraus die „Mund-zu“-Geste vor dem Spiel gegen Japan ergeben.

Sonja Fuss brachte unter anderem ihre Enttäuschung darüber zum Ausdruck, dass die Binde nicht getragen wurde. Sie habe sich von den Funktionären gewünscht, dass sich etwa Oliver Bierhoff vor die Mannschaft stelle und die Verantwortung auf sich genommen hätte.

In der Folge brachte die Diskussion die Erkenntnis, dass der deutsche sowie europäische Einfluss innerhalb der FIFA schwindet. Als Gegenmaßnahme sah Neuendorf die Notwendigkeit Allianzen zu schmieden, um Mehrheiten zu erlangen. FIFA-Präsident Gianni Infantino verstehe es meisterhaft, die vielen kleinen Mitgliedsländer des Weltverbandes hinter sich zu bringen. Dass Korruption dabei eine Rolle spielt, wurde nicht offen angesprochen, aber immerhin angedeutet. 

Mit Hinblick auf eine mögliche Bewerbung Saudi-Arabiens für die Weltmeisterschaft 2030 warnte Beeko davor, dass sich das Menschenrechtsdebakel nicht wiederholen dürfe. Dabei müsse man auch die Sponsoren in die Pflicht nehmen. Interessant war sein Einwand, dass Infantino stets behauptet, die FIFA sei nicht politisch. „Was aber hat er dann beim G20-Gipfel zu suchen“, fragte Beeko. Man müsse die Debatte künftig führen, bevor über das Ausrichterland gesprochen werde. Es ginge dabei nicht um Gut und Böse, sondern um Richtig und Falsch. Dabei müsse man alle FIFA-Länder mitnehmen und Menschenrechtsziele festlegen.

Prof. Dr. Mittag fürchtete, dass die Debatte wieder abflauen wird. Sie habe mit den Stationen WM in Russland, Olympische Spiele in China und der WM in Katar im Jahr 2022 ihren Höhepunkt erreicht. Das habe auch mit der Taktik der FIFA zu tun, das nächste Turnier wieder in eine andere Richtung zu vergeben. Ausrichtländer werden 2026 Kanada, die USA und Mexiko sein.

Weiter warnte er davor, dass Saudi-Arabien das Sportswashing Katars bereits erfolgreich kopiere. Dabei würden aberwitzige Summen investiert. Zudem wolle Saudi-Arabien sich gemeinsam mit Griechenland und Ägypten bewerben, um das Turnier auf drei Kontinenten stattfinden zu lassen. Eine durchaus clevere Herangehensweise.

Zum Ende wurden Fragen aus dem Publikum zugelassen. Unter anderem hinterfragte eine Studentin der Sporthochschule die Aussage Neuendorfs, dass totaler Boykott nicht die Lösung sein könne. Der DFB-Präsident machte erneut deutlich, dass die Diplomatie der kleinen Schritte in seinen Augen erfolgversprechender sei. „Fortschritt ist manchmal eine Schnecke“, so Neuendorf.

In seinem Schlusswort hatte Werner Wolf deutliche Worte gefunden: „Bei uns in Köln sagt man: Arsch huh, Zäng ussenander – wir müssen uns als 1. FC Köln äußern. Es gibt Mitglieder, die sagen, Fußball habe nichts mit Politik zu tun. Ich bin allerdings anderer Meinung. Sport war immer Teil der Politik. Wir müssen unsere Strahlkraft nutzen. Aber wir werden einen langen Atem brauchen.“