News vom 19.07.2016

„INTERVIEW MIT STEPHAN SCHELL – TEIL 1“

Stephan Schell dürfte vielen FC-Fans  als Vorsänger des Fanclubs Wilde Horde 96 bekannt sein. Im Interview mit fans1991 beantwortete Stephan Schell unter anderem Fragen zu seinem Werdegang als Fan des 1. FC Köln, Gästekontingentreduzierungen sowie dem neuen Bundesligateilnehmer RB Leipzig.

Hier lest Ihr Teil 1 unseres Interviews mit Stephan Schell:

 

Hallo Schell. Vielen Dank, dass du dich zum Interview bereit erklärt hast. Du bist jetzt seit einigen Jahren Vorsänger des Fanclubs Wilde Horde 96 und stehst jedes Spiel vor tausenden von Zuschauern/innen, um für Stimmung im Stadion zu sorgen. Wie bist du dazu gekommen, Vorsänger zu werden und wie ist es für dich, jedes Spiel mit dem Rücken zum Spielfeld zu verfolgen?


Meine Vorgänger bekamen Stadionverbot und die damalige WH-Führung fragte mich ob ich Bock hätte. Natürlich muss man ein paar Voraussetzungen mitbringen wenn man da oben stehen möchte. Nach Ansicht der damaligen Führung habe ich einige dieser Voraussetzungen scheinbar erfüllt. Nach reichlicher Überlegung sagte ich zu und beim ersten Pflichtspiel stand ich dann zusammen mit dem Nassauer oben. Die Frage mit dem Rücken zum Spielfeld wird mir oft gestellt. Ich glaube das ist für viele Leute immer noch am unverständlichsten, dass die Vorsänger seit dem Einzug der Ultras in den Kurven, mit dem Rücken zum Spielfeld stehen. Das ist auch bestimmt nicht immer cool, wenn man das Spiel nicht zu 100% mitbekommt. Aber den Vorwurf, dass wir nichts vom Spiel sehen können, teile ich nur bedingt. Natürlich können wir nicht jede Spielszene mitbekommen, geht auch gar nicht da man ja auch auf die FC-Fans in der Kurve achten muss. Aber das meiste kriegt man da oben schon mit. Ist ja auch wichtig. Nicht nur des persönlichen Interesses am Spiel wegen, sondern auch um die Mischung zwischen spielbezogenen und spielunabhängiger Unterstützung umsetzen zu können. Leider funktioniert das nicht immer. Ich liebe es, wenn ein Spiel so richtig schön explodiert und Emotionen hervorrufen kann. Auf der anderen Seite mag ich Kurven, die es von sich aus schaffen ihre Gesänge so auf das Spielfeld zu übertragen, dass der Gegner eingeschüchtert wird und die eigene Mannschaft über sich hinaus wächst. Auch wenn es die Mischung ist, die eine gute Kurve ausmacht, würde ich mich persönlich für letzteres entscheiden. Wenn die Kurve dann dafür auch laut ist, würde ich zur Not auf den Blick auf das Spielfeld verzichten. Richtig laut ist die Süd allerdings ganz selten. Und wenn sie dann mal laut ist, liegt das in erster Linie am positiven Spielverlauf. Das finde ich sehr schade, denn ich weiß, dass die gesamte Südkurve ein gewaltiges Potential hat.

 

Vorsänger in der Südkurve zu sein setzt eine hohe Leidenschaft und Hingabe für den Verein voraus. Wie bist du Fan des FCs geworden und ab wann hast du den Entschluss gefasst, dich stärker in der Fanszene zu engagieren?


Ist das so? Ich glaube, dass eine leichte geistige Störung und Neigung zur Selbstkasteiung auch nicht unwichtig ist. Im S 3, dem Herzen der Südkurve, sehe ich mittlerweile so viele Leute, die sich während des Spiels am Bierstand erfrischen. Da sollte man mit so Begriffen wie Leidenschaft und Hingabe schon aufpassen. Auf jeden Fall will ich mich nicht über andere FC-Fans stellen nur weil ich mit einem Megaphon auf dem Podest stehe. Ich bin der Meinung, dass man sich den Verein nicht aussuchen kann. Vereinsliebe wird weitergegeben. In meinem Fall war es mein Vater der mir dies in die Wiege gelegt und mich schon als kleiner Junge ins alte Müngersdorfer mitgenommen hat. Das war als Kind schon geil die Treppen zum Oberrang West nach oben zu laufen, das Grün zu sehen, die wunderschön schlecht programmierte Anzeigetafel, die FC-Fans auf Nord- und die Südkurve… wenn ich daran zurückdenke ist es wohl dieser Zeit zu verdanken, dass ich irgendwann alleine ins Stadion kam und bis heute dabeigeblieben bin. Dabei faszinierte mich das Treiben in der Südkurve schon als Kind am meisten. Irgendwann hat sie mich in ihren Bann gezogen und spätestens 1993 wurde es dann heftiger. Ohne überhaupt zu wissen was Ultras ist, bestimmten gewisse Themen wie Stimmung, Aktionen im Stadion und die Zusammenkunft der Südkurve schon damals meine Gedanken. Hand und Fuß bekam das allerdings erst nach dem ersten Abstieg als sich alles zusammenraufen musste.

 

In der Sommerpause blicken wir auf eine erfolgreiche Saison des FCs zurück. Wie hast du die Saison im Rückblick empfunden und was waren deine persönlichen Highlights?


Da gab es schon ein paar. Zum Beispiel der Sieg in Lev. Wir standen noch draußen als plötzlich der Mannschaftsbus vor dem Spiel am Stadion ankam. Das nutzten wir um die Jungs noch mal richtig heiß zu machen was ja dann letztlich auch funktionierte. Die drei Punkte zuhause gegen Dortmund waren auch todesgeil. Sieht man als FC-Fan auch nicht alle Tage dass die Mannschaft ein Spiel kurz vor Schluss noch so dermaßen umscheppert.  Auch wenn es in dem Fall leider weniger der Mentalität unserer Kurve, sondern den emotionalen Phasen des Spiels angerechnet werden kann, sah man an dem Tag was in Müngersdorf an Lautstärke möglich ist. In Mainz war es andersrum: Dort riss der Kölner Gästeanhang den Lärmpegel zeitweise so nach oben, dass wir es gemeinsam schafften der Mannschaft im richtigen Moment den nötigen Kick zu geben. Genauso gab es aber auch wieder unschöne Momente. Damit meine ich weniger die Niederlagen auf dem Platz, sondern die üblichen Steine die man als Ultra in den Weg gelegt bekommt. Es gibt mittlerweile einige Spiele bei denen viele meiner Freunde unter Aufenthaltsverbote leiden. Die Rechtmäßigkeit dieser Maßnahmen ist in vielen Fällen allerdings fragwürdig. Dies bestätigt eine Entscheidung des Kölner Verwaltungsgericht im Frühjahr diesen Jahres als 4 von 5 FC-Fans mit Unterstützung der Fanhilfe „Kölscher Klüngel“ Recht bekommen haben. Dann gab es natürlich auch die Spiele gegen Mönchengladbach. Rückblickend kann ich sagen, dass ich solche Derbys nicht mehr erleben möchte. Nicht nur weil ein Derby ohne Gästefans für mich kein Derby sein kann, sondern auch wegen der ganzen Diskussionen. So froh ich bin, dass wir es als Szene geschafft haben an dem Tag zusammen zu halten, so sehr ging es mir an die Substanz, dass die Kurve gespalten war. Ich weiß dass man sich in Köln genauso schnell wieder verträgt, aber ein intensiverer Dialog untereinander ist mir dann doch lieber. Daran müssen aber auch wir arbeiten. Gerade die Kritik an der Kommunikation zu unserer Vorgehensweise kann ich nachvollziehen. Immerhin hat unsere Mannschaft das Spiel in Köln gewonnen. Die Jungs haben in der letzten Saison meines Erachtens wirklich oft bewiesen dass sie über Charakter verfügen. Bedenkt mal von wo wir herkommen. Sportlich betrachtet war es auf jeden Fall eine erfolgreiche Saison.

 

Vielen wird das Auswärtsspiel in Mainz im Gedächtnis bleiben, als der FC einen 0:2 Rückstand zu seinen Gunsten mit einem 3:2 drehen und gewinnen konnte. Sind es solche Spiele, für die es sich eine längere Durststrecke mit Niederlagen zu überdauern lohnt?


Naja die FC-Fans haben ja mit den Jahren in der zweiten Liga schon viel längere und vor allen Dingen schlimmere Durststrecken mitmachen müssen. Im ersten Zweitligajahr ging der FC zuhause mal gegen St. Pauli schon in der Halbzeit flöten. Wir versickten das Spiel am Ende mit 1:4 vor noch nicht mal 10.000 Zuschauern während es aus Eimern pisste. Alter… da sind die Spiele heute ja schon fast der pure Luxus. „Lohnen“ ist für mich im Zusammenhang mit der Liebe zum FC vielleicht auch einfach der falsche Begriff. Wenn du mich fragst ob es sich z.B. gelohnt hat damals für die Erkundung der Zweitligaperipherie seinen Urlaub zu verprassen sag ich dir ganz ehrlich, dass ich nichts bereut habe. Die Zeit als wir damals mit einer Handvoll Hampelmännern quer durch die Republik gereist sind gehört zu den besten meines Lebens.  Nicht das mir jetzt nachgesagt wird, dass ich der Vergangenheit hinterhertrauere. So ein Spiel wie in Mainz ist natürlich geil. Die Leistung der Mannschaft durch grandiose Unterstützung der mitgereisten FC-Fans war ein wichtiger Befreiungsschlag für uns alle.

 

Ein Highlight vieler Fans war die Choreographie zum 68. Geburtstag des 1. FC Köln gegen Eintracht Frankfurt. Wieviel Vorbereitung steckt in einer solchen Choreographie?


Es können schon mal ein paar Monate von der Idee bis zur Präsentation einer solchen Geschichte vergehen. Für die Geburtstagsaktion gegen Frankfurt hatten wir allerdings nicht allzu viel Zeit zur Verfügung. Die Messlatte lag also entsprechend hoch. Das wir es trotz der üblichen Steine im Weg dennoch gestemmt bekamen erfüllt uns mit Stolz. Erwähnen muss man hierbei aber auch das so eine Choreo ohne die Mitwirkung der FC-Fans und Hilfe der Gruppen der Südkurve 1. FC Köln niemals möglich wäre. Das ist schon cool, dass bei so einer Aktion alle hinter uns stehen. Dafür an dieser Stelle nochmals einen ausdrücklichen Dank an alle Beteiligten.

 

Die Polaroid-Bilder habt ihr anschließend über eine Online-Plattform versteigert und einem guten Zweck zugute kommen lassen. Rückwirkend lässt sich feststellen, dass die Kölner Fanszene sozial sehr aktiv ist und sich in den unterschiedlichsten Bereichen engagiert. So wurde unter anderem eine Spendenkation zugunsten von Flüchtlingsheimen mit fans1991 und dem Kölner Fanprojekt beim Heimspiel gegen den SV Darmstadt 98 organisiert. Wie wichtig ist dir soziales Engagement und die Beteiligung der FC-Fans an solchen Aktionen?


Mit dem Stadtwappen rumhantieren kann jeder. Ich finde, wenn man sich zur seiner Stadt bekennt muss mehr dahinterstecken. Dazu gehört unter anderem auch soziales Engagement. Mit der Initiative Horde Karitativ hat meine Gruppe bereits zahlreiche Aktionen durchgeführt, aber auch die Südkurve 1. FC Köln engagiert sich mittlerweile viel. Die Behindertenbetreuung von euch finde ich persönlich richtig gut. Darüber hinaus gibt es viele FC-Fanclubs die sich sozial aktiv betätigen was allerdings nur die wenigsten mitbekommen. Eigentlich schade denn im Hintergrund geht da echt viel in Köln. Allerdings sollte es in erster Linie aber auch nicht darum gehen der Öffentlichkeit zu zeigen was man für ein toller Hecht ist. Wenn wir darauf Bock haben einer Flüchtlingsfamilie beim Umzug zu helfen dann machen wir das halt und müssen nicht noch einem Fotographen vorher Bescheid geben damit er daraus die Bravo-Foto-Love-Story fertigt. Auch die Idee mit den Polaroidbildern ist eher aus der spontanen Laune entstanden. Soviel ist dabei meines Wissens nach gar nicht rumgekommen. Die beiden Jungs aber, die wir quer durch Deutschland mit den Bildern schickten, hatten eine Menge Spaß als sie an den Türen der glücklichen FC-Fans klingelten. An einer Tür lockte sogar Freisuff und einige Tage später hing das Bild irgendwo auf einem Schützenfest. Die Mischung aus Zusammenhalt, Spaß, Vernetzung und das Plus am Ende der Rechnung für einen guten Zweck ist es was soziales Engagement für mich ausmacht. Das unterscheidet den 1. FC Köln als Verein unter anderem auch von sowas wie RB Leipzig.

 

Teil 2 könnt Ihr morgen auf unserer Homepage lesen!